Niederwildsymposium
des Landesjagdverbandes Rheinland-Pfalz e. V. (LJV)
am 29. August 2015 in Alzey
Schlussfolgerungen und Anregungen
von LJV-Vizepräsident Gundolf Bartmann


1. Problembereich Landwirtschaft

Landwirte sind – als (i. d. R.) Grundeigentümer und Mitglied der Jagdgenossenschaft – grundsätzlich auch in der Hegeverpflichtung. Aus Sicht der Wissenschaft wird die Situation für die Artenvielfalt und -zahl – einschließlich Insekten- und Vogelwelt – in der Feldflur nicht besser, sondern ständig schlechter. Dies gilt trotz aller Biodiversitätsverpflichtungen und Vereinbarungen. Betroffen sind zahlreiche feldlebende Bodenbrüter (Feldlerche, Rebhuhn, Kiebitz), aber auch andere, ursprünglich sehr häufige Arten, wie z. B. der Feldhamster.

Ursachen:
• Monotonisierung der Pflanzenwelt
• Hohe Pflanzendichte der Ackerpflanzen bedingt hohe Feuchtigkeit
• Zunehmende Schlaggröße -  abnehmende  Grenzlinie
• Abspritzen nach der Ernte
• Mäh- und Mulchverluste
• Deckungsarmut
• Zunehmender Gemüseanbau mit einseitiger Sortenwahl und Einsatz von Folien

Die Situation ist in anderen europäischen Ländern zum Teil noch dramatischer.
Die „Gemeinsame Agrarpolitik“ (GAP) – mit den Elementen Anbaudiversifizierung, Dauergrünlanderhaltung, Herstellung von ökologischen Vorrangflächen etc. – ist ein Schritt in die richtige Richtung, enthält aber zum Teil kontraproduktive Ausführungsbestimmungen. Insbesondere ökologisch hochwertige Maßnahmen – wie Brachen, Feldrandsteifen, Blühsteifen oder gar Hecken – werden kaum genutzt (zu hoher Aufwand, kompliziert, Gefahr des Verlustes von Zuschussansprüchen). In jüngerer Zeit bewirkten die gut gemeinten, aber schlecht gemachten Bestimmungen zur Erhaltung des Grünlandes sogar das genaue Gegenteil, weil nämlich viele Landwirte vorhandenes Grünland wieder umgebrochen haben.

Insbesondere im derzeitig ersten Jahr nach der Einführung des Greening besteht aufgrund der Komplexität der Regelungen eine große Unsicherheit bei den Landwirten, die dazu führte, dass i.d.R. Maßnahmen gewählt wurden, die in den bislang bekannten und etablierten Betriebsablauf passten bzw. aus diesem Betriebsablauf heraus bekannt sind. Die EU-Kommission hat bereits erste Korrekturen an den teilweise kontraproduktiven Regelungen eingeleitet bzw. umgesetzt.

Das Wissen um die komplementäre Nutzung von Maßnahmen im Bereich der Ökokontoflächen und Naturschutzprogramme fehlt. Allerdings: dort, wo Mittel fließen, werden auch Angebote genutzt (Beispiel: Flomborn). Die Jägerschaft muss konsequenter eingebunden werden.

Zuwenig Akzeptanz für ökologische Maßnahmen bei den Landwirten und Bewirtschaftern, fehlende oder nicht ausreichende Öffentlichkeitsarbeit.
Zu geringe Anreize, wirklich etwas zu ändern!

2. Problembereich Ausgleichsflächen, Vertragsnaturschutz, Ökokonto

Die Möglichkeiten, die sich aus der Kooperation mit dem amtlichen Naturschutz, den unteren Naturschutzbehörden und Biotopbetreuern ergeben, sind Jägern wie Bauern zu wenig bekannt. Die bestehenden Mitwirkungsmöglichkeiten der Jägerschaft an der Projektkonzeption werden oft nur unzureichend genutzt (z. B. bei Flurbereinigungen).

Die den Bedürfnissen der Niederwildhege angepassten Ausführungen, Maßnahmen und Notwendigkeiten sind sowohl den Planern als auch denjenigen, die die Flächen vertragsmäßig bewirtschaften, zu wenig bekannt. Dies führt z. B. zur Pflege von Streuobstflächen durch wildfeindliches Mulchen während der Brut- und Aufzuchtzeit der Bodenbrüter.

Die mögliche Übernahme der Bewirtschaftung dieser Flächen durch die Jägerschaft wird zu wenig wahrgenommen. Hier wäre zu prüfen, ob man nicht eine Institution (ähnlich der Stiftung Kultur und Landschaft → www.kula-rlp.de/aufgaben) gründen sollte, welche die betroffenen Jäger/innen unterstützten könnte.

3. Problembereich Flurbereinigung

Einige Zielsetzungen der Flurbereinigungen (z. B. größere Bewirtschaftungseinheiten) stehen der aus ökologischen Gründen gewünschten Diversifikation der Lebensräume entgegen.
Im Verfahren werden die fachlichen Einflussnahmen der Jägerschaft auf die Ausgestaltung zu wenig genutzt. Und dort, wo sie genutzt werden, finden sie oftmals keine oder nur unzureichende Berücksichtigung. Es fehlt meist an einer aktiven, die Gesichtspunkte des Nieder-wildes berücksichtigenden Konzeption. Entsprechende Konzeptionen und die Definition von Mindestanforderungen an die Erfordernisse einer ökologisch sinnvollen Niederwildhege und an die Belange der Bodenbrüter sind nicht oder nicht in ausreichendem Maße vorhanden. So fehlt es schlicht an Wissen und Empfehlungen bei den Planern und Behörden. Im Rahmen der Biotopbewertung müssen auch die vorkommenden Wildarten berücksichtigt werden.

4. Problembereich Prädatoren

Es besteht Einigkeit, dass eine wirksame Bestandserhöhung beim Niederwild (und anderen Arten) nur über eine verstärkte und der zeitlichen Notwendigkeit angepassten Beutegreiferregulierung funktioniert. Sie muss allerdings einhergehen mit Maßnahmen zur Lebensraumverbesserung.

Wenn bestimmte Arten durch die Intensivierung der Landwirtschaft auf Restflächen zurück-gedrängt werden, nehmen dort die Rolle der Prädation und deren Einfluss auf die Populationsstärken exponentiell zu. Verstärkt wird diese Situation durch die in der Kultur- und urbanen Landschaft unbestritten steigende Beutegreiferdichte. An einer wirksamen Prädatorenbejagung – einschließlich der tierschutzgerechten Fangjagd –, die zweifelsfrei zu den wichtigsten Aufgaben der Niederwildjäger gehört, führt kein Weg vorbei.

Zur Erhaltung der Akzeptanz der Fallenjagd sollte sich die Jägerschaft und der LJV von illegalen Fallenjagdmethoden distanzieren und einer freiwilligen Selbstkontrolle hinsichtlich der genutzten Fanggeräte zustimmen (Zertifizierung, Erfassung).

Dabei ist nicht nur eine revierübergreifende Bejagung, sondern auch der  Zeitpunkt der Erlegung im Jahresverlauf entscheidend. 75 % der (Jung-) Fuchsstrecke sollte bis Mitte Juni erledigt sein. Welpenfang ist dabei ebenso wichtig wie eine Absenkung der Rabenkrähendichte.
Niederwildhege und Prädatorenjagd sind arbeits- und zeitintensiv. Daher stellt sich die Frage, ob sich Reviere nicht besser zusammentun (Niederwildhegegemeinschaften?) und einen Berufsjäger einstellen, der sich revierübergreifend um die Aufgaben kümmert. Problem wird dabei die Finanzierung sein.

Weitere Forderungen: Baujagd erhalten sowie Beibehaltung und Weiterentwicklung der Jagdzeiten auf Beutegreifer.

Lösungsansätze

• Änderung der GAP-Rahmenvorschriften, Anpassung der Umsetzungsbestimmungen auf Bundes- und Landesebene.

• Aufbau eines Netzwerkes und einer Arbeitsgruppe zur Vertiefung der Lösungsansätze (Behördenvertreter, Landwirtschaft, Jagdbehörde, Flurbereinigung, DLR, Bauernverband, Landesjagdverband).

• Gemeinsames, komprimiertes Vorgehen von Verbänden (Naturschutz, Landwirtschaft, Jagd) zur Änderung der Ausführungsbestimmungen und Rahmenbedingungen der GAP, insbesondere hinsichtlich der ökologischen Vorrangflächen. Der Zeitpunkt 2015/16 ist hierfür sehr günstig (Wahlen…).

• Beginn erster Gespräche mit dem DLR und/oder anderen Institutionen zum Aufbau einer neuen – Synergieeffekte berücksichtigenden – Beratungsstelle im Herbst 2015. Dabei muss gut überlegt werden, wo eine solche Beratungsstelle etabliert wird.

• Verbesserung der Kommunikation zwischen Bauern und Jägern sowie Aufklärung durch komprimiert aufgearbeitete Informationen (auch fürs Internet).

• Jäger sollten eventuell Saatgutkosten und die Bewirtschaftung geeigneter „Greening-Flächen“ übernehmen, damit die Maßnahmen wildtiergerecht ausgeführt werden und der Landwirt dennoch von den Prämien partizipiert.

• Kooperation zwischen Landwirtschaftsverbänden und Landesjagdverband forcieren.

• Brachflächen und Blühstreifen/-flächen sind in der Agrarlandschaft als Trittsteine allen anderen Strukturen überlegen (Feldgehölze und Hecken werden gerne als „Ökofalle“ bezeichnet, weil sie nicht nur bedrohte Arten, sondern auch deren Prädatoren anlocken).

• Übernahme des operativen Geschäftes im Bereich des Vertragsnaturschutzes und der Bewirtschaftung von Ausgleichsflächen durch die Jägerschaft. Dabei ist die Einbindung der Stiftung Kultur und Landschaft möglich.

• Vermarktung der ökologischen Erfolge und der damit zum Ausdruck kommenden Liebe zur Natur durch die landwirtschaftlichen Betriebe (Imagegewinn).

• Die Mitarbeit der Jägerschaft bei Flurbereinigungsverfahren muss verbessert werden.

• Nutzung der Programme EULA, AHP, Aushilfsprogramme, Biotopbetreuung in Natur-schutzgebieten NATURA 2000.

• Ausgleichsflächenabgabe, Produktionsintegrierte Kompensationsmaßnahmen (PIK), Ökokonto, Kauf und Pacht über Stiftungsgelder nutzen.

• Großräumiges Handeln ist zielführend. Wenige kleine Musterreviere tragen kaum zur Problemlösung bei (siehe Landkreis Göttingen).

• Problematik „Schröpfschnitt“ – Anerkennung ganzer Flurstücke als Grünstreifen.

• Bei der Ausarbeitung von Förderprogrammen Angebot der fachlichen Unterstützung durch die Uni Göttingen nutzen.

• Anpassung der Vorschriften zu ökologischen Vorrangflächen (cross complience).

• Hilfestellungen und Beratungen der zuständigen Behörden verstärkt nutzen.

• Fangjagd- und Baujagdoffensive.

• Wildlebensraumberater vor Ort.

• Einstellen von Berufsjägern.

Fazit

Für die Verbesserung und Erhaltung der Artenvielfalt in der Feldflur sind drei Komponenten entscheidend:

a) Lebensraumverbesserung durch Schaffung und Erhaltung von Deckung- und Äsungsflächen

b) Reduzierung der Verluste durch Bewirtschaftungstechnik und -methode (Mäh- und vor allem Mulchverluste im Wein- und Obstbau etc.) /

c) Reduzierung der Verluste durch Prädatoren
Ohne Änderung der Rahmenbedingungen der EU (GAP) gibt es keine wirksame Verbesserung der Situation in der Feldflur.
Aufbau eines fachübergreifenden, zielführenden Beratungssystems (Wildlebensraumberater).
 

Gundolf BARTMANN, LJV-Vizepräsident
 

 

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